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Ausweichregeln zwischen zwei Segelfahrzeugen verständlich üben

Ausweichregeln zwischen zwei Segelfahrzeugen verständlich üben

Wenn sich zwei Segelfahrzeuge so nähern, dass die Möglichkeit eines Zusammenstoßes besteht, muss eines dem anderen ausweichen. Entscheidend sind drei Fragen: Kommt der Wind von derselben Seite? Welches Fahrzeug hat den Wind von Backbord? Und welches Fahrzeug befindet sich in Luv? Genau diese Abfolge solltest du in der Segelpraxis üben.

Die Grundlage ist Regel 12 der international geltenden Kollisionsverhütungsregeln aus dem Jahr 1972, kurz KVR. Die folgende Erklärung bezieht sich auf den Wortlaut von Regel 12 und übersetzt ihn in eine verständliche Übungssystematik für zwei Segelfahrzeuge.

Die Grundregel: Erst die Windseite klären

Bevor du eine Ausweichentscheidung triffst, stellst du fest, von welcher Seite der Wind kommt. Für die Regel sind zwei Seiten relevant: Backbord und Steuerbord.

Haben die beiden Segelfahrzeuge den Wind nicht von derselben Seite, weicht das Fahrzeug aus, das den Wind von Backbord hat. Das ist die erste und wichtigste Entscheidungsebene. Du vergleichst also nicht zuerst den Abstand, die Geschwindigkeit oder den Kurs, sondern die Seite, von der jedes Fahrzeug den Wind hat.

Beispiel: Wind von unterschiedlichen Seiten

Fahrzeug A hat den Wind von Backbord. Fahrzeug B hat den Wind von Steuerbord. Besteht die Möglichkeit eines Zusammenstoßes, muss Fahrzeug A ausweichen.

Für die Übung reicht zunächst eine eindeutige Ansage: „Wind nicht von derselben Seite. Fahrzeug mit Wind von Backbord weicht aus.“ Danach beschreibst du, welches der beiden Fahrzeuge diese Rolle übernimmt. So trainierst du, die Regel nicht nur auswendig aufzusagen, sondern auf eine konkrete Begegnung anzuwenden.

Wenn beide den Wind von derselben Seite haben

Haben beide Segelfahrzeuge den Wind von derselben Seite, entscheidet die Lage zueinander. Dann muss das luvwärtige Fahrzeug dem leewärtigen ausweichen.

Damit du diese Regel sauber anwenden kannst, musst du Luv und Lee bestimmen. Nach Regel 12 ist die Luvseite die Seite, die dem gesetzten Großsegel gegenüberliegt. Auf einem Rahsegler ist es die Seite gegenüber dem größten gesetzten Schratsegel. Für die hier beschriebene Übung mit Segelfahrzeugen ist vor allem die Zuordnung über das gesetzte Großsegel wichtig.

Beispiel: Gleiche Windseite, unterschiedliche Lage

Beide Fahrzeuge haben den Wind beispielsweise von Steuerbord. Eines liegt luvwärts, das andere leewärts. Besteht die Möglichkeit eines Zusammenstoßes, muss das luvwärtige Fahrzeug ausweichen.

Sprich die Entscheidung in zwei Schritten aus: „Der Wind kommt bei beiden von derselben Seite.“ Danach: „Dieses Fahrzeug ist luvwärts, jenes leewärts. Das luvwärtige Fahrzeug weicht aus.“ Diese sprachliche Trennung verhindert, dass du Windseite und Luvseite miteinander vermischst.

Die Sonderregel bei unklarer Windseite

Eine besondere Situation liegt vor, wenn ein Fahrzeug den Wind von Backbord hat und ein Fahrzeug in Luv sichtet, dessen Windseite sich jedoch nicht eindeutig erkennen lässt. In diesem Fall muss das Fahrzeug mit Wind von Backbord dem anderen ausweichen.

Der entscheidende Punkt ist die fehlende Sicherheit bei der Feststellung der Windseite des anderen Fahrzeugs. Sobald diese Lage in einer Übung vorkommt, solltest du nicht raten. Ordne sie als unklare Situation ein und wende die Regel für das Fahrzeug mit Wind von Backbord an.

Beispiel: Windseite des anderen Fahrzeugs nicht sicher erkennbar

Du hast den Wind von Backbord. Das andere Fahrzeug befindet sich in Luv. Seine Windseite lässt sich für dich nicht eindeutig bestimmen. Dann weichst du aus.

Diese Situation eignet sich besonders gut als Prüfungsübung, weil sie eine saubere Beobachtung verlangt. Die richtige Antwort entsteht nicht aus einer Vermutung über den Kurs des anderen Fahrzeugs, sondern aus den drei Angaben der Regel: eigener Wind von Backbord, Fahrzeug in Luv, Windseite des anderen nicht sicher feststellbar.

Eine einfache Übungssystematik an Bord

Übe die Ausweichregeln immer in derselben Reihenfolge. Das macht deine Entscheidung nachvollziehbar und reduziert Verwechslungen.

  1. Begegnung einordnen: Nähern sich die beiden Segelfahrzeuge so, dass die Möglichkeit eines Zusammenstoßes besteht?
  2. Windseiten vergleichen: Haben beide den Wind von derselben Seite oder nicht?
  3. Backbordfall prüfen: Wenn die Windseiten verschieden sind, welches Fahrzeug hat den Wind von Backbord?
  4. Luv und Lee bestimmen: Wenn beide den Wind von derselben Seite haben, welches Fahrzeug ist luvwärts und welches leewärts?
  5. Entscheidung laut formulieren: Benenne das Fahrzeug, das ausweichen muss, und begründe es mit der passenden Regel.

Wichtig ist, dass du die Reihenfolge beibehältst. Springst du sofort zu „Luv und Lee“, obwohl die Fahrzeuge den Wind von unterschiedlichen Seiten haben, kann die Entscheidung unnötig unklar werden. Erst die Windseite vergleichen, dann die passende Unterregel anwenden.

Konkrete Szenarien zum Üben

Szenario 1: Unterschiedliche Windseiten

Lege für zwei gedachte Fahrzeuge fest: Fahrzeug A hat den Wind von Backbord, Fahrzeug B von Steuerbord. Beide nähern sich so, dass die Möglichkeit eines Zusammenstoßes besteht. Frage zuerst: „Haben sie den Wind von derselben Seite?“ Die Antwort lautet nein. Danach folgt unmittelbar die Entscheidung: Fahrzeug A weicht aus.

Szenario 2: Gleiche Windseite

Jetzt haben beide Fahrzeuge den Wind von Backbord. Bestimme anschließend anhand des gesetzten Großsegels, welches Fahrzeug luvwärts liegt. Das luvwärtige Fahrzeug muss dem leewärtigen ausweichen. Wiederhol die Übung anschließend mit Wind von Steuerbord. So bleibt die Regel dieselbe, während sich die Ausgangslage ändert.

Szenario 3: Unklare Windseite in Luv

Das eigene Fahrzeug hat den Wind von Backbord. Das andere Fahrzeug wird in Luv gesichtet, aber seine Windseite ist nicht sicher feststellbar. Frage nicht, welche Windseite wahrscheinlich ist. Wende direkt die Sonderregel an: Das eigene Fahrzeug weicht aus.

Typische Fehler bei der Entscheidung

Ein häufiger Fehler ist, nur auf die Position des anderen Fahrzeugs zu schauen. Die Position allein beantwortet die Frage nicht. Bei unterschiedlichen Windseiten ist zuerst die Backbordregel maßgeblich. Erst bei gleicher Windseite entscheidest du über Luv und Lee.

Ein weiterer Fehler besteht darin, Luv und Lee nach Gefühl zu benennen. Die Quelle definiert die Luvseite über die Seite, die dem gesetzten Großsegel gegenüberliegt. Nutze deshalb das Großsegel als Bezugspunkt und formuliere die Zuordnung ausdrücklich.

Problematisch ist auch eine unsichere Aussage wie „Das andere wird schon ausweichen“. Die Regel bestimmt, welches Fahrzeug ausweichen muss. In der Übung sollte deshalb immer ein konkretes Fahrzeug benannt werden.

So prüfst du dein Verständnis

Nach jeder Übung beantwortest du drei Fragen: Welche Windseite hatte jedes Fahrzeug? Waren die Windseiten gleich oder verschieden? Welche Regel führte zur Entscheidung? Wenn du diese Fragen kurz und ohne neue Annahmen beantworten kannst, hast du die Situation strukturiert ausgewertet.

Für praktische Wiederholungen eignen sich Segeltörns und Prüfungstörns, bei denen du solche Begegnungen als Entscheidungssituationen durchgehen kannst. Entscheidend bleibt, dass du die Beobachtung, die Regel und die Ausweichentscheidung klar voneinander trennst.

Die Regel in einem Satz

Bei möglicher Zusammenstoßgefahr weicht bei unterschiedlichen Windseiten das Fahrzeug mit Wind von Backbord aus; bei gleicher Windseite weicht das luvwärtige Fahrzeug dem leewärtigen aus; und bei unklarer Windseite eines in Luv gesichteten Fahrzeugs weicht das Fahrzeug mit Wind von Backbord aus.

Quellenhinweis: Grundlage dieses Beitrags ist ausschließlich Regel 12 „Segelfahrzeuge“ der Kollisionsverhütungsregeln auf gesetze-im-internet.de.

Quelle / weiterführende Information: gesetze-im-internet.de


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